Effekte, Effekte!

Vincent Versace, dessen Buch Welcome to Oz 2.0 ich gerade durcharbeite, ist ein großer Freund von vorgefertigten Effekten, z.B. von Nik (jetzt leider Google) oder OnOne. Ich habe bislang immer Abstand genommen von diesen Dingen, weil mir die Ergebnisse immer zu spektakelig daher kamen. Jetzt habe ich probehalber mal angefangen, damit zu spielen. Noch bin ich unbegeistert. Viele der Effekte sehen aus wie Instagram quadriert. Ich kann sehr schnell Bilder produzieren, die so aussehen wie viele andere auch. Eine Art moderner Pseudo-Retro Look mit Pseudo-Analogfilm-Anmutung, Pseudo-Cross-Processing abgerundet mit einem Pseudo-Glasnegativ-Grunge-Rahmen.

Party OverGefällt mir das? Nein! Ich frage mich natürlich, warum mir das nicht gefällt. Weil es so aussieht wie vieles? Nicht wirklich. Es gibt so viele Photographen, da ist es schwer, immer was Originelles zu produzieren, was noch nie da war. Ich denke, es liegt daran, dass man die Effekte so deutlich sieht. Es ist zu einfach, niemand muss sich die Mühe machen, lange an einem Bild zu arbeiten. Nun bedeutet langes Arbeiten natürlich noch lange nicht hohe Qualität. Aber es bewirkt, dass man gezwungen ist, sich länger mit dem Objekt zu beschäftigen, mehr nachzudenken – auch mehr über das Warum und Was, nicht nur über das Wie.

Alles in allem sind die Werkzeuge vermutlich nützlich und gut, wenn in der richtigen Dosierung eingesetzt. Also dann, wenn ich verstanden habe, warum ich einen Effekt haben will, wenn ich ihn einsetze, weil ich eine Idee habe, und wenn ich der Versuchung widerstanden haben, den Effekt einfach nur deswegen zu verwenden, weil es ihn gibt. Und die Versuchung ist groß: Foto oben rein, ein halbes Dutzend Effekte ausprobiert, sieht geil aus, Rahmen drum und ab auf facebook. Je weniger geplant das Bild aussieht, desto Kunst. Mein Ansatz ist das nicht. Ich werde mir die Effekte dennoch etwas genauer ansehen, vielleicht ist etwas dabei, was ich brauchen kann. Vielleicht spare ich in dem einen oder anderen Fall eine mühevolle Maskenerstellung, wenn die Kontrollpunkte von Nik Effects das gleiche erreichen. Vielleicht, wenn ich es brauchen kann und es zum Bild passt.

Das gilt natürlich auch für alle Spielereien, die ich in LightRoom und Photoshop schon ohne Plug-In kann. Ist es eine gute Idee, einer Digitalaufnahme ein künstliches Filmkorn hinzuzufügen? Warum soll man eine Schwäche der alten Filme imitieren? Was tut man dabei eigentlich? Man imitiert eine Ästhetik. Das gleiche gilt für Cross-Processing und, wenn man noch weiter gehen will, auch für schwarz-weiß Aufnahmen. Bitte nicht falsch verstehen: ich verdamme nicht etwas die Schwarz-Weiß-Photographie. Aber man muss sich klar darüber sein, was man da tut. Wie stützt die Entscheidung das Bild? Setze ich die künstliche Vignette ein, weil sie so schön historisch wirkt und damit das Bild älter ( = wertiger) wirken lässt oder weil ich damit den Blick ins Zentrum lenken und ein wenig von der strengen Rechteckigkeit des Formats aufheben kann?

Wir sollten und als Digitalphotographen nicht minderwertig fühlen und der guten alten Zeit hinterherhecheln. Und wenn wir wirklich den Look eines Analogfilmes wollen, dann sollten wir analog arbeiten und die Dunkelkammer wieder rauskramen. Für mich bleibt ein Foto mit fiesem Grün-Gelbstich ein Foto mit Grün-Gelbstich. Ich war in den 70ern schon auf der Welt, ich brauch das nicht als Retro-Look.

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